Am 24. Juni kam die Nachricht von meinem Vater: Deine Mutter liegt im Sterben, es kann jeden Moment vorbei sein. Meine Mutter ist seit fast 21 Jahren Pflegefall gewesen. Jetzt schon einige Jahre im Heim und zu ihrer Krankheit kam noch eine Demenz.

Ich habe nach ihrem Tod am 1. Juli 2021 überlegt: Wann habe ich zuletzt so richtig mit dir gesprochen, Mama? Wann hatten wir das letzte Mal Spaß, haben zusammen gelacht? Es war wohl irgendwann in meinem 29. Lebensjahr und nächstes Jahr werde ich 50.

Also schon soo lange her

Ich war die letzten Tage jeden Tag an deiner Seite. Ich glaube, du hast es gespürt. Aura und Energie ist schon lange ein Thema für mich. Nun, in diesen Tagen, an denen ich jeden Tag bei dir war, gespürt habe, dass deine irdische Lebenskraft schwindet, habe ich mich umso mehr gefragt: Wie ist das genau mit der unsichtbaren Lebensenergie, die schwindet?

Das hört sich jetzt vielleicht so abgeklärt an. Aber meine Mutter war schon lange nicht mehr da. Wollte schon lange nicht mehr und musste doch so lange bleiben. In einem Körper, der kaputt war und den sie nicht mehr wollte. In einem Leben, das für sie kein Leben war. Die Lebensenergie verschwand über die Jahre immer mehr. Ich habe versucht, deine Aura zu spüren. Deine Aura und Energie.

Aura und Energie

Aura (übersetzt Lufthauch) steht per Defintion für: Aura (Göttin), griechische Göttin der Morgenbrise. Energiekörper, eine angeblich wahrnehmbare Ausstrahlung in der Esoterik. Umgangssprachlich bedeutet Aura auch die „Ausstrahlung“ einer Person.

Aber du, so wie du als Person warst, warst da schon lange nicht mehr – keine Aura und Energie.

Und dann die schwindende Lebensenergie, das Energetische, was uns bei der Geburt als Prana und Chi mitgegeben wird. Mit der Geburt tust du deinen ersten Atemzug und kommst auf die Erde mit einer Art Bankkonto an Lebenskraft.

Je nachdem, wie du haushaltest, was du tust, um dein Chi zu erhalten oder auch, was dir im Leben widerfährt, aus welchen karmischen Gründen auch immer, schmälert, steigert oder erhält dein Chi.

Wer warst du, Mama?

Mit dem ersten Atemzug, dem ersten Schrei sind wir im Leben. Wir wissen nicht, was uns in diesem Leben erwartet, was uns passiert, ob wir mit all dem umgehen können, was uns im irdischen Leben erwartet.

Ich habe angefangen, mich zu fragen: Wer warst du genau, Mama? Über Esoterik und Spiritualität konnte ich nicht mit dir sprechen. Meine Bemühungen am Anfang deiner Krankheit, dich zu stärken, wurden weggewischt. Also habe ich stillgehalten. Jeder kann nur so, wie er kann. Ok.

Deine Aura war und ist schon lange weg. Dein Prana hat trotz deiner vielen körperlichen Einschränkungen und ohne dass du was dafür tust, so lange gehalten. An deinem letzten Tag, als du im Sterben lagst, schon lange in der Rasselatmung, die einsetzt, wenn es wirklich zuende geht mit dem irdischen Leben und keiner weiß, wann es vorbei ist, habe ich angefangen, dir vorzusingen.

Ein Lied für dich

Das Om Tryambakam. Ich habe dir erklärt, dass es dich auf deiner Reise, die du jetzt antrittst, begleitet. Dass es dir helfen kann, eine mühelose und sichere Reise zu haben. Dass du keine Angst haben must auf dieser letzten Reise. Ich habe gesungen, ich habe dir die wunderschöne Version von Janin Devi vorgespielt.

om trayambakam yajamahe

sugandhim pusti-vardhanam

urvarukam-iva bandhanan

mrtyor-muksiya mamrtat

Einer der vielen Übersetzungen ist:

Om. Wir verehren den 3-äugigen Shiva,

der wohlduftend ist und alle Lebewesen ernährt.

Möge er uns vom Tode befreien und uns dazu reif machen,

zur Unsterblichkeit zu gelangen,

genau wie ein reifer Kürbis von der Pflanze abfällt.

Das Warum loslassen

Ich wollte, dass du dein letztes Prana dafür verwendest, loszulassen. Dir selber und allen zu vergeben. In Frieden zu gehen. Aufzuhören, damit zu hadern. Mit dem, was du dich immer und immer wieder gefragt hast: Warum du? Was hast du getan? Was hast du verbrochen,  weswegen dich ein Schlaganfall trifft, warum du gelähmt bist warum du dich selber aufgibst und keine Kraft und Stärke hast, den Weg anzunehmen?

Ich wünschte, du hättest all das Positive gesehen. Du hast einen Mann, der bis zuletzt für dich da war. Ihr hattet im Februar goldene Hochzeit, das war wichtig für dich, das hast du dir gewünscht. Du warst 50 Jahre verheiratet! Du hast zwei Kinder, die immer weiter für dich da waren. Aus denen was geworden ist.

Das Leben ist doch so schön, du musstest nicht hungern, nicht frieren. Ich wünschte, du hättest diese Kleinigkeiten mehr wahrgenommen und mehr Lebensqualität gehabt. Aber jeder Mensch kann nur wie er kann. Niemand kann aus seiner Haut. Oder doch?

Wer warst du?

Trotzdem weiß ich nicht, wer du gewesen bist, die letzten Jahre in deinem Körper? In deinem Rückzug durch die Demenz. Die einzigen Worte und Sätze, die wir in den letzten Jahren immer und immer wieder gesprochen haben, waren: Wann kommt Papa? Wann kommt Marco? Wann kommst du wieder?

Auf die Frage, was es zu Essen gab, hast du die letzten Jahre immer “Geschnetzeltes” geantwortet. Anscheinend ein Essen, dass dir positiv in Erinnerung geblieben ist.

Mir hat es geholfen, mich damit zu beschäftigen, was nach dem Tod passiert. In vielen Religionen wird das menschliche Leben auf der Erde als eine Reifung oder Bewährung gesehen. Nach dem Tod wechsele das Individuum endgültig in einen anderen Seinszustand (Weiterleben in einem Totenreich, Jenseits, Auferstehung, Himmel, Unsterblichkeit, Hölle, Limbus).

Die drei Dimensionen des Menschen

Körperlich heißt es, wir Menschen entstehen aus den fünf Elementen: Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde. Es wird auch von den drei Dimensionen des Menschen gesprochen: Körper, Stimme, Energie (Geist).

Wenn wir geboren werden, entsteht zuerst der Geist, dann die Energie und dann wächst der Körper. Wenn wir sterben ist es umgekehrt. Wenn das aktive Sterben des Menschen beginnt, löst sich ein Element nach dem anderen auf.

Ich habe es an deinen Augen gesehen. Die haben durch mich durchgesehen und trotzdem hatte ich das Gefühl, du nimmst mich wahr. Das hat mir die Hoffnung gegeben, dass du mich nun verstehst.

Du hast die Nahrungsaufnahme eingestellt und musst so einen Durst gehabt haben. Du wolltest aber nicht mehr. Du hast mit deiner letzten Kraft die Lippen zusammengepresst, wenn der Stab mit der minimalen Flüssigkeit kam. Ich habe dir erklärt, dass das nur Linderung ist. Dass du keine Nahrung mehr aufnehmen musst.

Deine letzte Reise

Als mir das bewusst wurde habe ich versucht, dir engelsgleiche Musik vorzuspielen und gehofft, dass dir das jede Angst nimmt auf deiner Reise. Im Leben wärest du nie alleine verreist oder in ein Restaurant gegangen. Aber nun, auf dieser letzten Reise, kann dich keiner begleiten. Energetisch lösen sich bei diesem Sterbeprozess die Chakren auf, eines nach dem anderen.

Einen Tag vor deinem Tod, du hast noch bis zum achten Tag ohne Nahrung gekämpft, als ich ins Zimmer kam, sahst du aus wie meine Mutter. Glattes Gesicht, wie meine Mutter in alt. Entspannt und ruhig. Als wenn du gleich aufwachst und wir können ganz normal reden.

Aber natürlich bist du nicht aufgewacht. Am nächsten Tag, als ich wieder kam, sahst du nach furchtbaren Schmerzen und Kampf aus. Da habe ich zu dir Lebewohl gesagt.

Ich habe fest und bestimmt gesagt: Mama, wenn ich heute gehe siehst du mich im irdischen Leben nicht mehr wieder. Das ist ein Lebewohl, bitte lass los, du brauchst keine Angst zu haben. Am nächsten Morgen um 6:15 Uhr, kurz bevor ich dann doch wieder zu dir kommen wollte, hast du es geschafft. Du konntest loslassen. Endlich.

Ich wünsche dir eine gute Reise Mama, ich wünsche dir in deinem nächsten Leben, dass du das Leben leben kannst, was du dir gewünscht hast.

Namaste

Tanja

PS Höre auch gerne meine Podcastfolge #80 zum Beitrag Aura und Energie.

Komm gerne auch in meine gratis Facebookgruppe zum Thema Yoga und Meditation.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.